„Du bist jetzt frei!“ Das sagten ihm seine polnischen Mitreisenden, als Thorsten Heinhold Ende September 1989 von Chemnitz nach Warschau fuhr, erinnert er sich 20 Jahre später bei den Dreharbeiten zum Dokumentarfilm „Tschüss DDR! Über Warschau in die Freiheit!” an diesen Augenblick. Im Spätsommer 1989 war Thorsten Heinhold nicht der einzige DDR-Bürger, der eine Flucht in den Westen über den Osten wagte. Die politische und wirtschaftliche Situation in der DDR veranlasste rund 100.000 Ostdeutsche nach vielen abenteuerlichen (Flucht-)Wegen in den Westen über Ungarn, die ČSSR, aber auch über Polen zu suchen. So schwammen einige über die Oder und Neiße und nicht wenige flohen zu Fuß über das Riesengebirge, einige reisten auch ganz legal nach Polen.

Um die Welt gingen aber nur die Bilder aus der Prager Botschaft, wo am 30. September der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher rund 3.500 DDR-Bürgern verkündete, dass sie ausreisen dürften. Dass auch über Warschau Tausende Flüchtlinge flohen, ist zwanzig Jahre später fast in Vergessenheit geraten. Diese andere Botschaftsgeschichte erzählt der 55-minütige Dokumentarfilm des Regisseurs Krzysztof Czajka. Der Film, der im Auftrag der Stiftung für deutschpolnische Zusammenarbeit mit Unterstützung des Polnischen Filminstituts entstand, stellt die DDR-Bürger Thorsten Heinhold, Ute und Udo Finke zusammen mit Peter und Heidi Reichmuth vor, denen die Ausreise über Warschau gelungen ist. Er schildert aber auch das Schicksal von Thomas Przybylski, dem die Flucht misslang. Statt in der Freiheit fand er sich im Stasigefängnis in Potsdam wieder.
Krzysztof Czajkas Film stellt auch die stillen Helden jener Tage vor, die vielen Polen, die damals die DDR-Bürger an der Grenze oder in Warschau bei ihrem Vorhaben unterstützten. Auch sie kommen im Dokumentarfilm zu Wort und vermitteln hautnah die Atmosphäre in und um die Botschaft im Warschauer Stadtteil Saska Kępa.
Alles begann im August 1989, als die ersten DDR-Flüchtlinge in Warschau ankamen. Der spätere Botschafter Johannes Bauch steht zwanzig Jahre später an derselben Stelle, an der ihn damals ein seltsames Geräusch aufgeschreckt hatte: „Es raschelte, es machte Plumps und plötzlich tauchte aus den Büschen ein Mann auf und fragte, ob er hier richtig und dies die deutsche Botschaft sei.” Der Mann war ein DDR-Bürger. Ihm folgten noch einige Hundert, unter ihnen auch Ute und Udo Finke, Peter und Heidi Reichmuth, die mit ihren Autos nach Warschau fuhren, ohne zu wissen, wo die deutsche Botschaft liegt. Nach einigen Irrfahrten trauten sie sich, einen Taxifahrer zu fragen, wo sie hin müssten. Der hilfsbereite Warschauer fuhr voraus, über die Weichsel in den Stadtteil Saska Kępa. Fast zu Tränen gerührt stehen sie im Frühsommer 2009 im heute verwaisten Botschaftsgebäude und erzählen ihre Geschichte.
Die Flüchtlingsproblematik wurde von Tag zu Tag dramatischer: Immer mehr abgestellte Trabis und Wartburgs fanden sich auf den Straßen rund um das Botschaftsgelände wieder. Als die Botschaft überfüllt war, bat man die polnische Regierung um Hilfe. Die polnischen Politiker handelten mutig und entschlossen.
Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki, der erste nichtkommunistische Regierungschef, musste das Problem unter schwierigen innen- und außenpolitischen Konstellationen mit seinem Außenminister Krzysztof Skubiszewski lösen, kaum dass sein Kabinett vereidigt worden war. Die Tatsache, dass er in seiner Regierung vier kommunistische Parteimitglieder sitzen hatte, u. a. Innenminister General Czesław Kiszczak, machte die Angelegenheit nicht einfacher. „Wir alle wussten, dass auf die Flüchtlinge in der DDR Stasigefängnisse warteten“, so Mazowiecki im Film. Die Vorgehensweise seiner Regierung war für die damalige Zeit untypisch und menschlich. Weder wurden die Flüchtlinge in die DDR zurückgeschickt noch außerhalb des deutschen Botschaftsgeländes polizeilich verfolgt, was u. a. in Prag der Fall war. Die junge Regierung reagierte aus heutiger Sicht erstaunlich pragmatisch: einige Hundert DDR-Bürger wurden ohne zu zögern in 80 Ferienheimen rund um Warschau untergebracht. Unter ihnen war auch Thorsten Heinhold, der in einem Ferienheim im Ort Serock rund 40 Kilometer von Warschau entfernt unterkam.
„Es war wie Ferien”, berichtet Heinhold, als er an der Uferpromenade des Zegrzyński- Sees in Serock entlang geht.
Ende September 1989 zeichnete sich ab, dass die Verhandlungen zwischen BRD und DDR, unter Teilnahme der polnischen Regierung, Erfolg brachten und dass eine Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland bevorstehen würde. Am 1. und 5. Oktober 1989 reisten rund 2000 DDR-Bürger vom Danziger Bahnhof in Warschau Richtung Westdeutschland mit Sonderzügen aus. Andere wiederum gelangten per Schiff oder Flugzeug in den Westen.
Dem Dokumentarfilm gelingt es, die menschliche und politische Dimension der damaligen Ereignisse hautnah, packend und authentisch nachzuerzählen. Der Film erinnert an ein deutsch-polnisches Kapitel von europäischem Ausmaß, das einen
großen Anteil am Fall der Berliner Mauer trägt.
Die Uraufführung des Films erfolgte am 12. Oktober 2009 in Berlin. Die polnische Premiere fand am 21. Oktober 2009 in Warschau statt. Der Dokumentarfilm wurde in diesem Herbst auf Filmfestivals in Deutschland und Polen gezeigt, zudem wurd er auch im polnischen Fernsehen ausgestrahlt.
DER FILM ALS VIDEO ON DEMAND:
In der Mediathek der Bundeszentrale für politische Bildung ist „Tschüss DDR! Über Warschau in die Freiheit!” bis Oktober 2010 als kostenloses Video on Demand abrufbar.
Termine | 2. Hälfte 2010 07.09.2010 29.09.2010 rbb Fernsehen 22:45 Uhr 30.09.2010 Leipzig, Zeitgeschichtliches Forum mit anschl. Podiumsdiskussion, Veranstalter: Sächs. Landeszentrale für pol. Bildung
Bonn | Haus der Geschichte Bonn der Bundesrepublik Deutschland, Willy-Brandt-Allee 14,
Filmvorführung und Gespräch mit DR. MAREK PRAWDA (Botschafter der Republik Polen in der Bundesrepublik Deutschland) und THOMAS KRÜGER (Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung). Moderation: PROF. DR. HANS WALTER HÜTTER (Präsident der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland). Mit freundlicher Unterstützung der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit. In Kooperation mit dem Haus der Geschichte in Bonn.
Kontakt: ostwestfilm@o2.pl | Maria Jarmoszuk